Diskussionstheater — Eine neue Theaterform für die Demokratie

“Ich kenne keinen Ort, wo die letzte Macht der Gesellschaft besser aufgehoben ist also die Leute selbst; und wenn wir denken, sie seien nicht genügend aufgeklärt, um ihre Macht mit gesundem Urteil auszuüben, ist die Abhilfe nicht, ihnen diese zu nehmen, sondern ihr Urteil durch Bildung zu fördern. Dies ist das wahre Korrektiv des Missbrauchs von Macht.” — Thomas Jefferson.

Georg Lind

Warum brauchen wir eine neue Theaterform?

Die Geschichte hat großartiges Theater hervorgebracht. Vieles wird auch heute noch gern gespielt und gern gesehen. Aber dieses Theater aus vordemokratischen Epochen – von Euripides bis Lessing, Schiller und Brecht – hat einen Makel, über den wir reden sollten: Es ist verbal der Demokratie verpflichtet, aber in seiner Form pflegt es einen vordemokratischen Habitus. Es ist Theater von oben, Theater von der Bühne. Es macht den Zuschauer – entgegen aller Absichten – passiv und wirkt daher unbewusst als Untertanenfabrik und nicht als Lerngelegenheit für demokratische Bürger. Es zwingt die Bürger in die Zuschauerrolle. Sie müssen stundenlang still sitzen und zuhören und dürfen sich nur beschränkt beteiligen, indem sie artig klatschen. Beim Drama werden sie zum Mitleiden und Mitfreuen gebracht, aber das Reflektieren darüber bleibt kaum Raum. Beim epischen Theater bekommen sie Denkanstöße, die sie aber nicht auskosten können, weil die Denkanstöße so dicht aufeinander folgen, dass sie das Nach-Denken unterbinden. Gleichzeitig denken und zuhören geht nicht.

Wie jede kostenpflichtige Unterhaltung, muss Theater unterhalten. Aber vom Theater erwartet man mehr als von einem Fußballspiel oder einem Song Contest. Es soll auch “erziehen”. Das meint nicht Theater-Pädagogik. Pädagogik bedeutet wörtlich Kindererziehung. Vielmehr meint es Agogik. Agogik zielt auf Erwachsene wie auf Kinder. Man darf dazu auch Bildung sagen, wenn man damit nicht die Vermittlung von Werten meint, sondern die Stärkung der Fähigkeit, mit Werten und Moralprinzipien umzugehen.

Das dramatische Theater der Antike zielte auf Gefühle (Empathie, Mitleid, Freude…). Es leistete, modern gesprochen, emotionale Erziehung/Bildung. Im Zeitalter der frühen Aufklärung wurde die Befreiung des Denkens von den Fesseln der Religion und des Absolutismus zur Aufgabe des – immer noch dramatischen – Theaters. Lessing (“Die Erziehung des Menschengeschlechts”) und Schiller (“Ästhetische Erziehung”) haben das nicht nur mit ihren Stücken praktiziert, sondern auch theoretisch reflektiert. Das Theater der Aufklärung ließ die Protagonisten politische Appelle an die Zuschauer richten, sprach aber auch Emotionen an. Oft mussten diese Appelle verschlüsselt werden, um Zensur und Strafe zu vermeiden. Seit Brecht und anderen hat sich das Theater der kritischen Auseinandersetzung mit Kapitalismus und Unterdrückung angenommen. Es brauchte dafür eine neue Theaterform, die – statt die Empathie der Zuschauer – ihren Verstand anspricht, die sie zum Denken und Hinterfragen des Wahrgenommenen und zum Handeln bringen soll. Die Mittel des epischen Theaters sind die Verfremdung und die Erzählung. Um eine rein gefühlsmäßig Identifikation mit den Protagonisten zu verhindern, treten die Schauspieler immer wieder aus ihrer Rolle heraus – und spielen sich selbst, nehmen also doch wieder ein Rolle ein.

Die Demokratie braucht eine neue Form des Theaters, das Emotion und Vernunft verbindet und die Menschen befähigt, Probleme und Konflikte selbst zu lösen, statt sie von ein Elite lösen zu lassen. Sie braucht Diskussionstheater:

  • Auch das Diskussionstheater soll unterhalten – aber nicht nur. Es muss auch moralisch-demokratische Kompetenz fördern, und zwar bei allen Teilnehmern, nicht nur bei den kulturell Gebildeten.
  • Es muss wie ein Drama Gefühle auslösen, aber nur in einer bestimmte Dosierung, nämlich so, dass einerseits Denken und Kommunikation angeregt werden, aber andererseits diese auch möglich bleiben. Zu wenig Erregung lässt den Zuschauer einschlafen, aber zu viel Erregung unterbindet auch Denken und Lernen.
  • Diskussionstheater muss Denkanstöße geben – dem Denken aber auch Raum geben. Es darf die Teilnehmern nicht mit Denkanstöße überfrachten, sondern ihnen Zeit und Gelegenheit geben, die Denkanstöße mit ihren eigenen Denkstrukturen und dem Denken Anderer zu vernetzen.
  • Diskussionstheater darf kein Rollenspiel sein, sondern muss Engagement für die eigene Meinung verlangen. Aber es darf niemanden zu einem voreiligen, unreflektierten und ungeprüften Urteil über schuldig oder unschuldig verleiten, wie zum Beispiel Schirach in seinem Stück “Terrorist”.
  • Diskussionstheater muss Zeit und Gelegenheit zur Klärung der anstehenden Entscheidung im Diskurs mit Anderen geben.
  • Diskussionstheater muss zeigen, dass eine freie, produktive Diskussion nicht nur kommunikationsethisch geboten, sonder faktisch auch möglich ist. Viele Teilnehmer erfahren, wie sie mir sagen, beim Diskussionstheater zum ersten Mal, dass man über Probleme und Konflikte miteinander diskutieren kann, ohne dass man sofort “persönlich” wird, wie sie das oft im Alltag erleben, wo man sich oft schon nach kurzer Zeit gegenseitig “an die Gurgel geht” oder beleidigt voneinander abwendet.

All dies macht das gegenwärtige Theater nicht. Dafür benötigen wir das Diskussionstheater.

Was macht Diskussionstheater?

  • Das Diskusionstheater-Stück “Reden und Zuhören” hat neun Szenen (siehe Lind 2015).
  • Die Anfangsszene, der Vortrag einer kurzen, dramatische Geschichte, gibt den (einzigen) Anstoß. Der Protagonist, um dessen Entscheidung es geht, ist fiktiv.
  • Mit dieser Geschichte sollen im Teilnehmer ein moralisches Dilemmagefühl und Nachdenken ausgelöst werden. Das passiert nicht bei Allen und auch nicht immer sofort. Ein Dilemma liegt im Auge des Betrachters.
  • Die weiteren Szenen geben den Teilnehmern Gelegenheit zur Klärung des “Dilemmas”, falls sie eins sehen; zur Bildung einer Meinung, zur moralischen Fundierung ihrer Meinung, zur Auseinandersetzung mit Andersdenkenden und schließlich zur Reflexion über das, was sie aus Auseinandersetzungen lernen können.

 

Was Diskussionstheater nicht ist:

  • Es ist kein pädagogisches Theater, obwohl es auch mit und für Kinder (ab ca. 8 Jahren) gemacht wird.
  • Es ist keine Therapie, obwohl es – erwiesenermaßen – therapeutische Wirkung hat.
  • Es ist kein Rollenspiel, obwohl es einen hohen Unterhaltungswert besitzt.
  • Es ist kein Resozialisierungsprogramm, auch wenn es bereits mit großem Erfolg in Gefängnissen eingesetzt wurde.
  • Es ist kein Mittel zur Durchsetzung politischer Zielsetzungen, auch wenn es die Vernunft fördert und damit die Demokratie stärkt.
  • Es bietet keine Lösungen von oben an, sondern fördert die Fähigkeit der Teilnehmer, allein und zusammen mit Anderen selbst Lösungen zu finden.
  • Es ist kein Theater für unterdrückte, sondern für freie Menschen, die aber Angst vor ihrer Freiheit haben und aus dieser Angst Demokratie ablehnen.

Diskussionstheater ist eine Übertragung der Konstanzer Methode der Dilemma-Diskussion (KMDD) vom Kontext Bildungsinstitution in den Kontext Theater (Lind 2015; 2017. Ich habe die KMDD entwickelt, um moralisch-demokratische Kompetenz bei Jugendlichen und Erwachsenen zu fördern. Dabei habe ich bewusst Anleihen beim Theater gemacht, um den Lerneffekt der KMDD zu maximieren. Jetzt bringe ich sie dem Theater zurück.

Wir inszenieren Demokratietheater (KMDD) schon seit mehr als zwanzig Jahren mit Menschen aus allen Altersgruppen und aus ganz unterschiedlichen Kulturen: Europäer, Türken, Südamerikaner und Chinesen, Katholiken, Protestanten, Muslime, Buddhisten und religionsfreie Menschen, Zivilisten und Soldaten, Gefängnisinsassen und Bewohnern von Seniorenheimen, Grundschüler und Medizinstudierende, Professoren- und Lehrerkollegien, Integrationsklassen und hoch begabte Abiturienten. Allen macht es Spaß und alle sagen, sie hätten viel dabei gelernt. Vorher-Nachtest-Tests zeigen zudem eine deutliche Zunahme an moralisch-demokratischer Kompetenz (Lind, 2015).

Öffentliche Inszenierungen habe ich in Konstanz (Bildungszentrum, Seniorenheim Rosenau), Monterrey/Mexiko und Dresden gemacht (siehe Bild unten). Auf Einladung der Stiftung Frauenkirche Dresden inszeniere ich dieses Jahr (2017) “Reden und zuhören” dreimal in der Krypta der Frauenkirche. Nächstes Jahr sind weitere Aufführungen geplant. “Reden und Zuhören”-Inszenierungen findet dieses Jahr auch in Polen, Italien, USA und Mexiko statt, wo ich auch “Inszenierer” (KMDD-Leiter) ausbilden werde.

Diskussionstheater und die Demokratie als Lebensform

Demokratie stellt an den Bürger viel höhere Anforderungen als die Diktatur, in der man nur gehorchen können muss. Nur wenn Menschen selbst und gemeinsam mit Anderen Probleme und Konflikte lösen können, kann das demokratische Zusammenleben funktionieren.

Diskussionstheater kann mithelfen, diese Kompetenz zu fördern. Das ist eine große Herausforderung für die Inszenatoren. Sie müssen dafür gründlich ausgebildet werden. Sie müssen lernen, Geschichten zu schreiben, die bei allen Teilnehmern Dilemmagefühle auslösen. Sie müssen lernen, sie so vorzutragen, dass sie bei allen moralische das Bedürfnis nach Austausch wecken – kein Teilnehmer darf sich ausgeschlossen fühlen. Inszenatoren müssen lernen, wie man Teilnehmer zum Reden ermutigt, wie man in neue Szenen zwanglos überleitet, wie man auf demokratische Weise die Diskussionsregeln administriert und wie man das Stück und den Raum dafür vorbereitet. Sie müssen auch wissen, wie man einfache Sprache benutzt, wie man den Lerngewinn misst, und vieles andere mehr.

Diskussionstheater macht Lust auf Demokratie als Lebensform, weil es die Fähigkeit fördert, Probleme und Konflikt selbst durch Denken und Diskussion zu lösen. Für die Teilnehmer bleibt Demokratie keine leere Formel und auch kein Wagnis, sondern wird real erfahrbar. Eine Reporterin fragte einmal eine 10-jährige Teilnehmerin: “Wie ich gesehen habe, musstet Du auch zu Argumenten gegen deine Meinung Stellung nehmen. War das nicht überflüssig?” Antwort (nach kurzem Nachdenken): “Nein, das war es nicht. Ich wurde dadurch angeregt, nochmals über meine eigenen Argument nachzudenken, ob sie richtig sind.” Ihre Antwort zeigt: In einer wahren Demokratie werden Gegner nicht nur toleriert, sondern als wichtiger Faktor für die eigene Entwicklung geschätzt.

Literatur

K. Hemmerling, “Morality Behind Bars” (Moral hinter Gittern), Frankfurt: Peter Lang Verlag, 2014.

G. Lind, “Moral ist lehrbar”, Berlin, Logos-Verlag 2015.

G. Lind, “How to Teach Morality. Promoting Deliberation and Discussion, Reducing Violence and Deceit.” Berlin: Logos-Verlag, 2016.

G. Lind, “Moralerziehung auf den Punkt gebracht”, Schwalbach, Ts., Debus Verlag, 2017.

Internet-Portal: “Moral, Bildung und Demokratie”: https://www.uni-konstanz.de/ag-moral/ .

Blog: “Morality, Education and Democracy”

Letzte Änderung: 14.5.2016

KMDD_Dresden_2014_08_21
Diskussionstheater “Reden und Zuhören” am 21.9.2014 in der Sächsischen Landeszentrale für politische Bildung, Dresden. (c) by artgenossen.tv
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