Der Streit um die richtige Methode des Rechtschreiblernens

Der Spiegel berichtet in seiner neuen Ausgabe (22.9.2018, S. 114-115, siehe auch unten) unter der Überschrift “Liba mit Fibl” über die Ergebnisse einer Dissertations-Studie von Tobias Kuhl an der Universität Bonn. Der Spiegel hatte vorab einige Kultuspolitiker um Stellungnahmen zu seinem Vorabbericht gebeten und von ihnen die gewünschte Unterstützung für seinen Wunsch nach Rückkehr zur alten Methode erhalten.

Die Studie verglich drei Methoden des Rechtschreiblernen hinsichtlich ihrer Effektivität: “Rechtschreibwerkstatt”, “Lesen durch Schreiben” und klassische “Fibel”-Methode.

Nach Meinung des Spiegel zeigt diese “Studie die Überlegenheit des klassischen Orthographieunterrichts” und fragt provokativ: “wann dürfen unsere Kinder endlich wieder richtig schreiben lernen?”. Neue Methoden, vor allem die Methode “Lesen durch Schreiben”, bei denen die Kinder zunächst keine Vorgaben bekommen, sondern selbst entdecken sollen, wie die Wort richtig geschrieben werden, würden, so die Spiegel-Autoren, bei Grundschülern zu schlechten Leistungen führen. Sie hätten im Vergleich zu Schülern, die mit der Fibel lernten, schlechter abgeschnitten.

Der Spiegelbericht  heizt damit den Streit über die Schreiblernmethoden an, lässt den Leser aber so schlau zurück, wie er vordem war.

Das Ergebnis, dass 42% der Fibel-Schüler “zum besten Viertel gehören”, während dies bei den anderen Methoden nur 17% bzw. 26% waren, ist ebenso beeindruckend wie nichtssagend. Als Beleg wird über die Erfahrung einer Schulbuchautorin mit einem einzelnen Schüler berichtet, dessen Rechtschreibleistung die Autorin “verblüffte”. Es gibt keine Hinweise, ob dieser Schüler wirklich von der klassischen Fibel profitierte oder einfach nur ein guter Schreiblerner war, der mit jeder Methode gut gelernt hätte. Ich (doppelt promoviert) hatte als Kind mit der Fibelmethode gelernt und habe bis heute Rechtschreibprobleme (was für ein Segen sind Rechtschreibprüfprogramme!) Was beweisen solche Fälle?

Zudem ist die Studie, über die er berichtet, noch gar nicht veröffentlicht. Daher ist es nicht möglich, wichtige Fragen zu beantworten, die der Spiegel vergessen hat zu stellen, die aber für eine Einordnung der Ergebnisse notwendig sind.

Vergessene Fragen

– Wie setzten sich die Schüler in der Studie zusammen? Wie viele waren Immigranten. Wie viele Dialektsprecher? Wie viele kamen aus Elternhäusern, in denen Schriftsprache gesprochen wird? Wir wissen, dass Menschen mit Dialekthintergrund (wie ich) und aus Familien, in denen ein fremdsprachig gefärbtes Deutsch gesprochen wird, sich mit Hochdeutsch schwerer tun als Kinder aus Familien, in denen gar kein Deutsch sprechen. Sie müssen sich nicht nicht mit zwei deutschen Sprachen herumplagen.

– Wurde diese Darstellung der Befunde als Prozentzahlen gegenüber anderen Darstellungen gewählt, um die Ergebnisse dramatisch aussehen zu lassen? Wie sehen die rohen, unverarbeiteten Testwerte aus?

– Wie groß waren die Unterschiede in der Studie wirklich? Waren sie so groß, dass Schäden für die spätere Schul- und Berufskarriere der Kinder zu befürchten sind, oder waren sie nur statistisch signifikant, was bei genügend großer Stichprobe schon bei sehr kleinen Unterschieden der Fall ist? 

– Wurde auch ermittelt, wie viele Prozent der Schüler bei den drei Methoden am Ende der ersten Klasse in der Kategorie “Förderschüler” landeten, bei denen späteres Schul- und Berufsversagen droht.

– Waren die Lehrkräfte, die diese drei Methoden in dem Versuch anwendeten, mit allen drei Methoden gleich gut vertraut oder wurden die neuen Lehrmethoden von “klassischen” LehrerInnen unterrichtet?

– Zu welchem Zeitpunkt wurde gemessen? Schon nach kurzer Zeit (was bei eiligen Dissertation nicht ungewöhnlich wäre), so dass ein späteres Auf- und Überholen der anders unterrichteten Schüler nicht gesehen werden konnte?

– Wurden gewünschte Nebeneffekte der alternativen Lehrmethoden erfasst, wie die Lernmotivation und Lernfreude der Schüler? Wenn ja: was ist dabei herausgekommen? Was nützt es, wenn wir den Schülern den Stoff schnell einpauken und vielen von ihnen dadurch das Lernen verleiden und sie später weniger lernen?

– Gibt es überhaupt die richtige Unterrichtsmethode für alle Schüler? Oder kommt es nicht vielmehr darauf an, dass jeder Schüler so lernt, wie es für in oder sie am besten ist. Dann wäre Offener Unterricht (Montessori, Zehnpfennig, Peschel u.a.) die effektivste aller Methoden. Hier können die Schüler unter Anleitung ihrer Lehrer selbst herausfinden wie und was sie am besten lernen. Klingt zu demokratisch? Stärkt zu sehr das Individuum? Natürlich erfordert ein effektiver offener Unterricht auch eine andere Lehrerausbildung. Die Lehrer haben beim offenen Unterricht – im wahren Sinne des Wortes – weniger zu sagen, aber ihre Aufgabe ist dadurch noch anspruchsvoller als beim klassischen Unterricht.

Nachwehen

Der Grundschulverband hat die Veröffentlichung der Ergebnisse aus einer unveröffentlichten Studie zu Recht kritisiert. Dadurch sei sie jeder Kritik entzogen. Der Spiegel kritisiert diese Kritik, weil sie ohne Kenntnis der Bonner Studie erfolgte, bestätigt damit aber diese Kritik.  Es ist ein “Vorab-Streit” über die Köpfe der Leser hinweg.

Wenn der Spiegel meint, dass die selektive Veröffentlichung von Ergebnissen ohne Belege und ohne Kritik “in der Wissenschaft verbreitet” ist, so stimmt das leider. Gut ist es aber nicht. Solche Vorabberichte finden meist nur dann Anklang bei den Medien, wenn sie deren Meinung bestätigen und zu Streit führen, über den sich dann wieder berichten lässt. In diesem Fall war die journalistische Sorgfalt beim Spiegel nicht viel besser als bei der Bild-Zeitung, der Zeitung für “Lieschen Müller”. Der Spiegel sollte mehr sein als die Zeitung für “Dr. Lieschen Müller”.

Georg Lind

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